Holen die Vergangenheit in die Gegenwart: Laura Rüttershoff, Lena Schlayer, Nouel Verberkt und Alexander Kupillas bei der Vorbereitung ihrer Zeitzeugengespräche.

"Viele Gemeinsamkeiten zwischen Wessis und Ossis."

Migration als Thema der Geschichte in der EPh - Sechs Lebensgeschichten

Moderne Migrationsbewegungen gelten als große Zukunftsherausforderungen in Europa. Dabei handelt es sich jedoch um ein Phänomen, das so alt ist, wie die Menschheit selbst: Seit Menschengedenken gab es Wanderungsbewegungen, die ganz unterschiedliche Ursachen hatten. Aus diesem Grund ist das Fach Geschichte in besonderem Maße dafür geeignet, aus der Vergangenheit zu lernen und ein Bewusstsein für die Herausforderungen von Migration und Integration zu schaffen.

In diesem Zusammenhang hat sich unsere Einführungsphase in der letzten Unterrichtsreihe intensiv mit den Erlebnissen von MigrantInnen beschäftigt. Im Mittelpunkt standen dabei die Planung, Durchführung und Auswertung von Zeitzeugengesprächen.

Nachdem die theoretischen Grundlagen des Themas im Unterricht geklärt worden waren, ging es an die praktische Umsetzung. Neben der Entwicklung einer Leitfrage für die jeweiligen Gespräche, suchten sich die Schülerinnen und Schüler passende Zeitzeugen, erstellten Fragenkataloge und lasen sich in die jeweiligen historischen Thematiken ein. Nach dem jeweiligen Gespräch wurden die Aussagen evaluiert, historisch eingeordnet und die Ergebnisse verschriftlicht.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Vorhaben ein voller Erfolg war. Die Schülerinnen und Schüler haben sich intensiv mit der Lebenswirklichkeit unterschiedlicher MigrantInnen auseinandergesetzt und dabei weitreichende Erkenntnisse bezüglich Migration und Integration gewonnen.

Text und Foto: Daniel Schirra

Die Lebensgeschichte von Udo F. - ein gelungenes Beispiel für Integration?

Udo F., geboren 1944, musste 1945 mit seiner Mutter und seinem fünf Jahre älteren Bruder vor der anrückenden Sowjetischen Armee von Glatz in Schlesien (heute Polen) nach Viktebour in Ostfriesland fliehen. Dort wurden sie in einer Flüchtlingsbaracke aus Wellblech mit unzähligen anderen Familien untergebracht, wo sie nicht mehr hatten als ein Klappbett.

Circa 1947 wurde seine Familie von der Stadt in einem zur Verfügung gestellten, kleinen Bauernhof - zusammen mit einem anderen Bewohnern - zwangseingebürgert. Die Familie teilte sich ein Zimmer in einer Scheune mit Lehmboden und zwei Strohbetten, eines für die Mutter, eines für die beiden Kinder. Aufgrund fehlender finanzieller Mittel lebten sie in Armut am Rande der Gesellschaft, wobei die Mutter mit Näh- und Strickarbeiten für ansässige Bauern versuchte, die nötigen Lebensmittel aufzutreiben. Sein Vater kam im Jahre 1949 aus der Kriegsgefangenschaft und trat in Aurich eine Arbeitsstelle in einer Autowerkstatt an.

1950 kam Udo in Viktebour in die Schule, wo er, von Anfang an, von seinen Mitschülern ausgegrenzt und als ,,Polenkind“ beschimpft wurde. Nicht selten war er Spott und Gewalttätigkeiten seiner Mitschüler ausgesetzt, da Flüchtlingskinder unerwünscht waren, sodass es schier unmöglich war, soziale Kontakte aufzubauen.

Mithilfe eines Darlehns der evangelischen Kirche wurde es der Familie im Jahre 1954 ermöglicht, ein Haus in Aurich zu bauen und damit nach fast zehn Jahren zum ersten Mal wieder ihren Wohnort selbst bestimmen zu können. Mit dem damit verbundenem Schulwechsel und der sich langsam verbessernden finanziellen Situation, war es ihm nun möglich, soziale Kontakte in Vereinen und bei Freizeitaktivitäten zu knüpfen. Auch die anfänglichen Schwierigkeiten mit dem friesischen Dialekt, den keiner in der Familie sprach, schwanden, da er diesen durch die Kontakte zu anderen Kindern immer besser beherrschte und sich somit immer weniger von den einheimischen Kindern unterschied. Wie schon seine Eltern war auch er darum bemüht, nicht negativ aufzufallen und sich möglichst gut in die bestehende Gesellschaft zu integrieren.

Während Udo 1958 in Aurich seine dreijährige Ausbildung begann, wagte Anfang der 60er Jahre sein Vater den Schritt in die Selbstständigkeit und übernahm eine Aral-Tankstelle im hiesigen Ort. Dadurch wurden er und seine Familie endgültig  vollwertige, anerkannte und geschätzte Mitglieder der Gemeinde.

Aufgrund von Arbeitsplatzmangel in Aurich wurde Udo nach seiner abgeschlossenen Ausbildung nach Moers versetzt. Mit dem Neuanfang, den er in Moers abermals machen musste, war seine ursprüngliche Herkunft von keinerlei Bedeutung mehr. Von Anfang an bestand ein gutes soziales Miteinander, zwischen ihm und seinen Kollegen, welches in Teilen bis heute anhält.

Dadurch, dass sowohl seine Familie als auch er selbst sich fortwährend bemüht haben, Teil einer bestehenden Gesellschaft zu werden, sich sprachlich als auch gesellschaftlich einzubringen, ist Udo F.s Lebensgeschichte ein gelungenes Beispiel für Integration.  

Nouel Verberkt

Migration nach Deutschland – haben sich die Erwartungen erfüllt?

Schon zum Ende des 18. Jahrhunderts lebten bis zu 30.000 ausgewanderte Deutsche in ihren eigenen Siedlungen in Russland. Diese Dörfer trugen deutsche Namen und auch die Nachnamen der Familien blieben weiterhin deutsch. Doch zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war die Stimmung zwischen so genannten „Russlanddeutschen“ und Russen stark angespannt. Somit wurde unmittelbar nach dem Angriff der Deutschen auf die Sowjetunion ein Dekret über die Umsiedlung der Deutschen in andere Regionen der Sowjetunion erlassen. Die Deutsch-Russen wurden nur mit dem Nötigsten an Verpflegung in Güterwagen oder Schiffen in die sibirischen oder kasachischen Rayons deportiert. Dort mussten sie der Arbeitsarmee beitreten und Zwangsarbeit verrichten, was für viele den Tod oder schwere gesundheitliche Folgen mit sich brachte. Frauen und Kinder wurden währenddessen in Sondersiedlungen geschickt, in denen sie in menschenunwürdigen Unterkünften leben mussten. Auch nach Kriegsende wurden diese Sondersiedlungen nicht aufgelöst. Erst nach dem Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer wurden die „Russlanddeutschen“ zurück in ihre Heimat gebracht und lebten dort unter strenger Bewachung.

Die „Russlanddeutschen“ hatten aber bei der Einwanderung in die Bundesrepublik Deutschland große Vorteile gegenüber Russen ohne deutschen Hintergrund. So war es auch für Frau E. möglich, nach Deutschland zu migrieren. Denn die Großmutter ihres Mannes war eine Deutsch-Russin und wurde schon mit fünfzehn Jahren in eine der Sondersiedlungen deportiert. Frau E. selbst wuchs in einem kleinen Dorf namens Astagan im Norden Kasachstans auf. Ihre Mutter war gelernte Köchin und ihr Vater arbeitete als Ingenieur in der Autoindustrie. Trotzdem sind – laut Aussage der Zeitzeugin - die Verhältnisse ihres damaligen Lebens nicht mit denen hier in Deutschland zu vergleichen. Es gab dort beispielsweise kein fließendes Wasser im Haus und auch die Toilette lag außerhalb. Die Arbeit in der Landwirtschaft war für die Menschen in dem Dorf körperlich sehr hart.

So entschied sie sich 1995 ihren Mann nach Deutschland zu begleiten, der aus wirtschaftlichen Gründen und wegen der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland kommen wollte. Somit stellten sie im selben Jahr den Antrag auf Auswanderung nach Deutschland, was ohne die Großmutter ihres Mannes nicht möglich gewesen wäre. Denn die Bedingungen zur Auswanderung aus Russland waren sehr streng und nur ihre deutschen Wurzeln ermöglichten die Migration Frau E.s, ihres Mannes und zusätzlicher zehn Verwandter. Der Antrag musste dennoch sechs Jahre lang bearbeitet werden und so kam Frau E. am 11.02.2001 in der Nähe von Hamburg in einem Heim an. Da schon zwei der Großtanten in Duisburg lebten, wollten sie natürlich gerne in die Nähe ziehen. Somit wurden sie dann nach einiger Bearbeitungszeit ihrer Unterlagen nach Unna gebracht. In dieser Unterkunft wurde ihnen auch Unterstützung durch Geld geboten. Da der Mindestlohn aber nicht ausreichte, wurden sie von Verwandten mit Lebensmitteln und Kleidung versorgt. In dieser Unterkunft blieben sie jedoch nur einen Monat und hochschwanger zog Frau E. dann gemeinsam mit ihrem Mann in eine Sozialwohnung in Moers. Dort lebten sie dann eine Weile und verdienten ihr erstes Geld in Deutschland. Da ihr Mann ein ganzes Jahr lang einen Deutschkurs besuchte, war es für ihn möglich, eine Umschulung zu machen und eine Stelle beim Edelstahlwerk in Krefeld anzunehmen.

Insgesamt lässt sich sagen, dass die Erwartungen in jeder Hinsicht erfüllt wurden. Auch wenn Frau E. in manchen Situationen mit Heimweh zu kämpfen hat, ist sie froh ihren drei Kindern eine bessere Zukunft bieten zu können. Außerdem kann sie ihre Familie in Kasachstan unterstützen und versucht, sie jährlich zu besuchen. Sie kann zwar ihre Arbeit als Lehrerin aufgrund von sprachlichen Barrieren nicht weiter ausführen, ist aber dennoch froh, dass sie hier von herzlichen Menschen aufgenommen und zum Sprechen animiert wurde.

Lilly Ventzke

Wie verläuft der Integrationsprozess bei einem Migranten?

Ich habe mich mit der Frage beschäftigt, wie ein Integrationsprozess bei einem Migranten ablaufen kann und wie sich dieser in verschiedenen Umgebungen unterscheidet. Natürlich kann man keine direkte Antwort auf diese Frage finden, die auf jeden Fall zutrifft. Um mich jedoch einer Antwort etwas zu nähern, habe ich mich mit Frau X (der richtige Name soll nicht genannt werden) zusammengesetzt und ihr einige Fragen gestellt.

Frau X ist die ältere von zwei Schwestern und wuchs in São Paulo in Brasilien auf. Sie war als Bürokauffrau tätig und schilderte ihre damaligen Lebensverhältnisse sowie ihren Sozialstand als „mittelklassig“. In Brasilien musste sie sehr viel arbeiten, um diesen Lebensstandard zu erreichen. Zudem herrschte zu diesem Zeitpunkt eine große Instabilität in der brasilianischen Innenpolitik, was laut Frau X Grund für die hohe Arbeitslosigkeit war. Aufgrund der schlechten Lage in Brasilien entschied Frau X sich, damals mit 20 Jahren, nach Italien zu einigen Verwandten zu ziehen, da sie dort eine Möglichkeit für eine bessere Arbeit und eine höhere Lebensqualität sah. Frau X beschrieb die Integration in Italien als eine sehr leichte: „Meine Familie unterstützte mich und ich hatte bereits sprachliche Vorkenntnisse“. Innerhalb weniger Monate sprach sie schon fließend Italienisch und hatte viele soziale Kontakte geschlossen.

Fünf Jahre später zog Frau X aufgrund ihrer Beziehung zu ihrem Freund (ihrem heutigen Mann) nach Deutschland, um seine Heimat und seine Familie kennenzulernen. Die Familie ihres Mannes bezeichnete sie als „sehr zuvorkommend und freundlich“, jedoch empfand sie ihre restliche soziale Umgebung als sehr kühl und distanziert.

Im Vergleich beschrieb Frau X die soziale Umgebung in Italien als warmherziger und offener. Auch war die Sprachbarriere sehr groß und Frau X teilte mit, was für eine Schwierigkeit normale Alltagsgespräche für sie darstellten. Innerhalb eines Jahres jedoch konnte Frau X sich bereits an solchen beteiligen, wenn auch nicht fließend. Auch wenn nach einigen intensiven Sprachkursen die größten sprachlichen Hürden von Frau X überwunden waren, „ist und bleibt die deutsche Sprache für [sie] das größte Hindernis der deutschen Kultur“. Mittlerweile pflegt Frau X auch hier in Deutschland Sozialkontakte, verdeutlicht jedoch, dass dies für sie lange Zeit „mehr Probleme schuf, als [sie es] erwartet hätte“. 

Schlussendlich betrachtet denke ich, dass sich die größten Unterschiede der beiden hier beschriebenen Integrationsprozesse in der Sprache und sozialen Gemeinschaft wiederfinden lassen. Der Unterschied beim sprachlichen Aspekt lässt sich leicht dadurch erklären, dass Italienisch und Portugiesisch beide zu den romanischen Weltsprachen gehören. Der kulturelle Aspekt bedarf keiner großen Erklärung, denn die Kultur unterscheidet sich nun mal von Land zu Land und ist für jeden Besucher mehr oder weniger gewöhnungsbedürftig.

Laura Rüttershoff

Die Lebensgeschichte von Frau und Herrn X – ein gutes Beispiel für Integration?

Das deutschstämmige Ehepaar X (Name anonymisiert) ist aus einem seltenerem, aber völlig verständlichen Grund nach Deutschland migriert: Herr X litt bereits seit längerer Zeit unter starken Herzbeschwerden.

Bei seinem letzten Arztbesuch in Polen sah es schlecht für ihn aus: Er brauchte sehr dringend eine Katheter-Untersuchung, die allerdings in Polen nicht durchgeführt werden konnte. Er folgte der Empfehlung seines Arztes, dass es in Deutschland eine deutlich bessere medizinische Lage gäbe. Am letzten Tag in ihrer Heimat packten sie ihr Auto sehr voll und haben anschließend ihre Katze zur Mutter von Frau X gebracht. Beide litten sehr unter dem Abschied, denn das Ehepaar gab sein bisheriges Leben auf.

Am nächsten Tag haben sie sich auf den Weg nach Deutschland gemacht. Dies sollte aber nicht so einfach gehen, wie erhofft. An der Grenze wurde festgestellt, dass der TÜV fehlte. Die Reisenden mussten also in ein nahegelegenes Dorf fahren, um dort nach kurzzeitigem Warten ihren TÜV zu erneuern. Wieder an der Grenze angekommen, wurde ihr Auto erneut lange durchsucht, dann aber durchgelassen, da keine Mängel vorhanden waren. Herr und Frau X stand nun eine lange Reise bevor. Sie besaßen die deutsche Staatsangehörigkeit, welche die gesamte Reise als „Spätaussiedler“ erheblich einfacher machte. Nach dem Anhalten an einem Parkplatz, großer Freude und einer schnellen Liebeserklärung seitens Herrn X an die Ehefrau, konnte es nun weiter gehen. Die weitere Fahrt verlief flüssig und keine Probleme traten auf.

In ihrer neuen Heimat angekommen, mussten sie sich keine fremde Unterkunft suchen, denn die Eltern von Herrn X sowie der Sohn des Ehepaares waren bereits früher nach Deutschland migriert. Die Einreise war entweder am 15. oder 16. Dezember 1989. Die Reise dauerte ungefähr 15 Stunden, von 5-20 Uhr, welche große Ermüdung hinterließ. Kurz nach der Ankunft ging Herr X ins Krankenhaus Bethanien in Moers und anschließend nach Frankfurt, wo die lebensnotwendige Katheter-Untersuchung sofort durchgeführt wurde. Dies konnte aufgrund seiner deutschen Staatsangehörigkeit direkt geschehen. Es verlief alles gut, ihm ging es viel besser.

Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase nahm das Ehepaar zusammen mit der Tochter an einem Sprachkurs im Moerser Zentrum teil. Herr X und seine Tochter empfanden es als sehr einfach, da er eine deutsche Schule in seiner Kindheit und sie Deutschkurse bereits in Polen besucht hatten. Frau X musste viel neu lernen, da sie nur fünf Monate eine deutsche Schule besucht hat, ehe in Polen - nach dem Zweiten Weltkrieg - die deutsche Sprache verboten wurde. Das Lernen der neuen Sprache half der Familie sehr, mit dem deutschen Alltag ohne Hilfe klarzukommen.

Es stand nun die Suche einer Wohnung an. Sie suchten das Rathaus auf, um einen Wohnberechtigungsschein zu erhalten, den es nur für „Spätaussiedler“ gab. Sie erhielten in Kürze drei Wohnungsvorschläge. Nach der Besichtigung haben sie alle abgelehnt, da sie in sehr schlechtem Zustand waren, aber auch, weil sie in Polen ein sehr großes Haus besaßen, und sie sich nicht umstellen konnten. Erneut im Rathaus, erklärten sie dem zuständigen Sachbearbeiter, in welcher Lage sie sich befanden. Er verstand sie und meldete sich nach ein paar Tagen wieder. Eine Wohnung in einem neu gebauten Mehrfamilienhaus wäre noch zu vergeben. Sie war schön groß und sagte dem Ehepaar sofort zu.

In diesem Haus an der Homberger Straße leben sie bis heute. Sie haben immer noch Heimweh, da das Leben in Polen – ihrer Ansicht nach - mehr Sinn mit vielen Aktivitäten machte und die Umsiedlung im späten Lebensalter geschah. Insgesamt hat Familie X in Deutschland jedoch eine neue Heimat mit Gesundheit, Freude und im Familienkreis gefunden.

Alexander Kupillas

Wiedervereinigung einer polnischen Familie in Deutschland

Zwischen 1947 bis August 1989 herrschte in Polen der Kommunismus, unter dem der Großteil der Bevölkerung gelitten hatte. Der Staat übte starke Kontrolle bis hin zur Unterdrückung der Bevölkerung aus, woraus sehr viel Unzufriedenheit in Form von Streiks und Widerständen gegen das Regime resultierte

A. (anonymisiert), damals sechzehn Jahre alt, lebte, bevor sie mit ihrer Familie im März 1989 nach Deutschland zog, in Königshütte bei Katowice, die von ihr als dreckige, von Schornsteinen verschmutzte Stadt mit alten Häusern beschrieben wurde. Zusammen mit ihren Eltern und ihrer Großmutter lebte sie in einer Wohnung und hatte finanziell keine Probleme.

Ihr sechs Jahre älterer Bruder war mithilfe eines Besuchsvisums für einen längeren Zeitraum nach Deutschland verreist, wo er dann auch schließlich beschlossen hatte, zu bleiben. Die Trennung der Familie war der Auslöser für die gut durchdachte Nachreise und die politische Situation war bei dieser gemeinsamen Entscheidung eher in den Hintergrund gerückti´Hinterh. Die erforderten Kontrollmaßnahmen des Staates, wie zum Beispiel das Überprüfen der persönlichen Post, hätten sie an ihrem Vorhaben gehindert. Weitere Hürden waren die Parteilosigkeit der Familie, weshalb sie unter anderem in der Gesellschaft nicht gut angesehen waren, aber auch war es ihnen gesetzlich nicht gestattet, ohne weiteres auszuwandern. Daher beschlossen sie heimlich nach Deutschland aufzubrechen. Vorab lösten sie ihre Wohnung auf und vermachten beinahe ihr gesamtes Hab und Gut einem vertrauten Freund, welcher sich den späteren Verkaufsgewinn für die Familie in Dollar auszahlen ließ.

Schließlich war es soweit: Eines Nachts verluden die vier die noch übrig gebliebenen, wichtigsten Besitztümer in zwei winzige Fiat 126 und brachen auf. Vor allem für A. war es schlimm, ihre Heimat für immer zurückzulassen, da sie zum ersten Mal frisch verliebt war. Sie fuhren insgesamt fast 1100 km in ungefähr 20 Stunden, A. mit ihrem Vater in einem Auto, ihre Mutter mit ihrer Großmutter in dem anderen. Um ihrer Meinung nach die DDR-Grenze problemlos passieren zu können, also um keinen Verdacht auszulösen, dass sie mit der ganzen Familie in Deutschland bleiben wollten, fuhren die beiden Autos mit gewissem Abstand zueinander. Schließlich, an der DDR-Grenze angekommen, wurde die Familie nach dem Einreisegrund befragt, was mit „längerem Besuch“ beantwortet wurde. Sie wurden ohne weitere Komplikationen durchgelassen, was zum Teil auch an der deutschen Staatsbürgerschaft, die von der Großmutter weitergegeben wurde, lag. Sie wurde in Deutschland geboren und zog dann nach Polen.

Kurz hinter der westdeutschen Grenze fuhr die Familie wieder dicht beieinander. Plötzlich zerbrach die Windschutzscheibe und A. und ihr Vater bekamen die ganze Kraft eines Schneesturms zu spüren. Die vorläufige Lösung, Mütze und Skibrille zu tragen, war nur für kurze Zeit ertragbar, sodass A. in das zweite Auto umstieg. Ganze 600 km fuhr ihr Vater ohne Windschutzscheibe.

Nach dieser anstrengenden, kräftezehrenden Fahrt erreichten sie endlich Dortmund, wo sie zwei Wochen in einer Aufnahmestelle für „Spätaussiedler“, also für Menschen mit deutschen Wurzeln, verbrachten. Von dort aus fuhren sie direkt nach Repelen und A. war schließlich - nach langer Zeit - mit ihrem Bruder wiedervereint. Sie mieteten sich eine Wohnung unter der des Bruders und stiegen sofort in den Alltag ein. A.s Oma war von den Angereisten die einzige, die die deutsche Sprache beherrschte und, um dies zu ändern, besuchten A.s Eltern, welche zu dem Zeitpunkt Mitte 40 waren, einen Sprachkurs in Düsseldorf. Sie fanden schnell eine Arbeit und knüpften soziale Kontakte. Auch A. ging in Repelen für die ersten vier Monate in eine Integrationsklasse, wo sie sich schnell die neue Sprache aneignete. Nach kurzer Zeit zog die Familie näher ans Stadtzentrum in Moers und A. wurde Schülerin des Gymnasium Filder Benden. Zudem nahm sie an einer, vom St. Josef Krankenhaus organisierten, Jugendfreizeit teil, wo sich ihre Sprachkenntnisse stark verbesserten und sie schnell den Anschluss zu anderen gefunden hatte.

Heute lebt A. seit 29 Jahren in Moers und hat eine eigene Familie gegründet.

Abschließend lässt sich sagen, dass es sich bei der Geschichte von A. A. und ihrer Familie um ein sehr gelungenes Beispiel für Integration handelt, da es ihrerseits besonders wichtig gewesen war, sich sofort unter die Menschen zu mischen, sich schnell einzuleben und offen für die neuen Eindrücke zu sein. Andererseits gingen auch die Deutschen offen und freundlich mit denen damals Fremden um, wodurch Familie A. sich schnell zu Hause fühlen konnte.

Lena Schlayer

Die Lebensgeschichte von Olaf S. - ein gelungenes Beispiel für Integration?

Von 1949 bis 1990 existierte die Deutsche Demokratische Republik (DDR) neben der Bundesrepublik Deutschland (BRD) als zweiter deutscher Staat, zeitweise getrennt durch bewachte Grenzen und Mauern. Laut Verfassung waren in der DDR alle Bürger gleich. Der Staat übernahm Großteile des Privateigentums und verstaatlichte die Wirtschaft. Es galt das Prinzip des Sozialismus. Die SED, die einzig regierende Partei, kontrollierte alle Lebensbereiche, von der Ausbildung der Kleinkinder über die Freizeitgestaltung bis hin zur Arbeitsplatz- und Wohnungswahl. Wer sich der Partei in den Weg stellte, wurde überwacht und verfolgt. 1967 wurde Olaf S. in Ost-Berlin (DDR) geboren und wuchs dort auf.

Einundzwanzig Jahre lang war für Herrn S. die DDR seine Heimat, bis er sich 1988 entschloss, aus der DDR zu fliehen. Der stark ausgeprägte Kommunismus und Sozialismus, die starke Bevormundung und Bespitzelung der Bürger bewegten ihn schließlich zur Flucht. Seine Eltern flohen 8 Wochen vor ihm, da sich ihnen, durch die Erlaubnis einen Bekannten in Westdeutschland zu besuchen, die Möglichkeit bat, der DDR den Rücken zu kehren und in Westdeutschland zu bleiben.

Olaf S. erhielt ein Visum für Ungarn mit der Erlaubnis Urlaub zu machen und vermittelte der Gesellschaft den Eindruck, sich kurzzeitig in Budapest aufzuhalten. Doch von Budapest aus floh er über Österreich nach Westdeutschland, wo seine Familie schon auf ihn wartete. Olaf S. beschreibt seine Flucht als problemlos und unspektakulär, da die Grenzen zwischen Ungarn und Österreich bereits geöffnet waren und er so ohne Zwischenfälle nach Bayern fliehen konnte. Er reiste nach Freilassing in Bayern ein, wo die Menschen schon an der Grenze standen, um Geflüchtete als Arbeiter anzuwerben. Auch er hätte mit seiner Ausbildung zum Handwerker problemlos einen Job in Bayern sofort wieder aufnehmen können, doch für viele Flüchtende, wie auch für Herrn S., war Bayern unzureichend und zu ländlich, da er das Leben in der Großstadt Berlin gewohnt war. Daraufhin reiste er weiter nach West-Berlin, wo er für längere Zeit mit seiner Lebensgefährtin lebte.

Der größte Unterschied für ihn war, dass es in Westdeutschland keine Grenzen gab und man machen konnte, was man wollte. Auch beeindruckten ihn nach seiner Flucht die vollen Läden mit verschiedensten Produkten von verschiedenen Marken. Vor allem seine Eltern genossen die intensive Freiheit des Westens, da sie diese bereits durch die Zeit vor der Gründung der DDR kannten. Doch auch die Menschen in Westdeutschland glichen – laut Aussage des Zeitzeugens -  den Menschen in Ostdeutschland: „Die Gemeinsamkeiten von Wessis und Ossis waren viel größer als die meisten glaubten“, so Olaf S. Nach dem Mauerfall im Jahre 1989 beobachtete er eine Wende, Westdeutsche und Ostdeutsche begegneten sich – seiner Meinung nach - ohne Vorurteile und schlossen sich zu einem Volk zusammen. Heute lebt er schon 29 Jahre am Niederrhein. Von seinem Geburtsort hat er eins mitgenommen: den Ehrgeiz, all seine Möglichkeiten auszuschöpfen.

Die Frage nach einer gelungenen Integration, ist auf jeden Fall zu bejahen, da die Menschen ihn positiv aufnahmen und Herr S. sich schnell und einfach einleben konnte.

Lilly Schmidtke

— [Daniel Heisig-Pitzen]

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