Inmitten Gleichgesinnter: Batuhan Yilmaz-Ay (2. von links) mit weiteren Teilnehmern.

Ein Plädoyer fürs Denken

Batuhan Yilmaz-Ay besucht
philosophische Winterakademie

Batuhan Ay, Adolfiner aus der Q2, hat sich im Rahmen des philosophischen Essaywettbewerbs für die Philosophische Winterakademie in Münster qualifiziert. Batuhan berichtet von der Akademie.

Spaß am Philosophieren: Der Workshop hat allen gut gefallen.

„Die Philosophie ist [..] ein Trieb, überall zu Hause zu sein“ oder so in etwa formulierte es ein ganz schlauer Mensch, der Novalis hieß. Und dem möchte ich, unqualifizierter Mensch, auch zustimmen. Denn zumindest die Menschen, die es betreiben, sogenannte Philosophen, haben anscheinend wirklich kein Zuhause. Sie lauern überall, sei es in Nordrhein-Westfalen, Ulm oder sogar Paris. Auch ich durfte dies an den Tagen vom 5. bis zum 8. Februar im Franz-Hitze-Haus an der Philosophischen Winterakademie 2019 auch bezeugen, wo diese komischen denkenden Kreaturen zusammenfanden.

Jährliche Zusammenkunft: Immer zu Beginn des Jahres werden die Sieger des Essay-Wettbewerbes eingeladen. (c) Gerd Gerhardt.

Unter dem Motto „Heimat“ und die Dialektik der Grenzen verbrachten wir, 26 Schüler aus ganz verschiedenen Ecken der Bundesrepublik (und eine Teilnehmerin aus Frankreich) als Gewinner des Essaywettbewerbes (Batuhans Essay am Textende), vier unvergessliche Tage, an denen wir philosophierten bis in die Nacht, uns Gastvorträge von Doktoranden und Professoren für Philosophie anhören durften, rege Diskussionen führten in den schönen Cafés, die die Stadt, zu bieten hatte, und vieles mehr. Was ist Heimat? Ist dieser der seltsamerweise nur der deutschen Sprache eigene Begriff bloß eine Illusion? Was ist eigentlich das Wesen der Philosophie? Wie viel können wir wissen, wenn erst einmal geklärt ist, ob wir überhaupt dazu im Stande sind? Mit solchen existenziellen Fragen beschäftigten wir uns also. Doch nicht nur auf dieser abstrakten Ebene hat man sich unterhalten. Es waren vor allem die persönlichen Geschichten, die die Atmosphäre so verzauberten, von unterschiedlichen Personen mit ganz verschiedenen Erfahrungen, die die Philosophie als gemeinsames Interesse teilten.

Beim Kennenlernen herrschte zwar zunächst eine betretene Stille. Vermutlich aufgrund der „sozialen Inkompatibilität“ könnte man meinen, die philosophisch interessierten Menschen aber eher zu Unrecht und voreilig oft an den Kopf geworfen wird. Alle sind schüchtern, bloß nichts sagen. Doch spätestens nach eins zwei Gesprächen blühte eine fast magische Verbundenheit zwischen den Teilnehmern auf. Man fühlte sich so gut verstanden, nicht mehr einsam innerhalb der eigenen Grenzen, die das menschliche Sein uns auferlegt. Diese Art von „Gruppentherapie“ kann schon sehr hilfreich sein. Nicht, weil man es unbedingt psychologisch nötig hat, aber viel mehr, um die Schranken der eigenen Voreingenommenheit endlich zu durchbrechen und uns unserer Selbst zu stellen. Ganz verschiedene Menschen mit völlig unterschiedlichen Geschichten waren dort, anzutreffen, und ich genoss jede Sekunde, so viel an wertvoller Erfahrung aufzusaugen, wie ich nur konnte.

Gute Laune durch tiefgehende Gedanken: Das gemeinsame Philosphieren verbindet.

Es war faszinierend, zu bezeugen, dass allein dieses gemeinsame philosophische Interesse, ganz fremde Menschen zusammenbringen konnte. Die wichtigste Lektion, die ich wohl gelernt habe, ist, dass das Denken keine Heimat hat, dass es keiner trennenden Grenzen unterliegt, in dem Sinne, dass es keinen ausschließt. Es wohnt jedem inne, und alle Menschen werden dadurch verbunden. Vielleicht ist es nicht all das Geld für das Militär, Grenzkontrollen, Interventionismus, etc., welche das 21.Jahrhundert überlebensfähig machen werden. Vielleicht kann es auch schon alleinig die unglaublich unterschätze Fähigkeit, zu denken, sein.

„Wir sehen in den anderen Menschen nicht Mitmenschen, sondern Nebenmenschen - das ist der Fehler“ Albert Schweitzer

Text: Batuhan Yilmaz-Ay | Fotos: Gerd Gerhardt.

Die „Aufklärung“ zur fremdverschuldeten Unmündigkeit - Essaybeitrag von Batuhan Yilmaz-Ay

Name: Ay, Batuhan-Yilmaz

Qualifikationsphase II

Lehrerin: Frau Sokolowski

Schule: Gymnasium Adolfinum Moers, Wilhelm-Schroeder-Straße 4, 47441 Moers

Die „Aufklärung“ zur fremdverschuldeten Unmündigkeit

Der Islam, eine Religion, der Europa so einige Gemütszustände, zu verdanken, hat. Seit jeher bekämpfen sich politische Parteien als auch (sich unpolitisch ausgebende) Verbände um die Deutungshoheit dieser so pikanten Religion.

Dabei ist es sehr interessant, zuzusehen, wie das aus der religiösen Vergangenheit emanzipierte Europa sich plötzlich wieder für Religion und ihre Auslegung interessiert. Doch geht es den betroffenen Interessensgruppen überhaupt um einen sich auf Expertise gründenden Auslegungsdiskurs? Oder ist es die Angst vor der Fremdheit dieser Religion? Ist der Islam in Wirklichkeit ein geistiger Parasit, der sich heimtückisch in die Köpfe der Menschen einnistet, um sie von Innen auszumerzen? Oder haben wir es mit der Angst vor einem „Kulturkampf“, zu tun, so wie ihn intellektuelle Berühmtheiten gebetsmühlenartig beschwören? Angst vor einer Niederlage in diesem Kampf. Angst um die europäische Identität. Um all das in der ermüdenden, notorischen, aber dennoch kontroversen Frage zu resümieren : Ist der Islam ein Gegenentwurf, ja sogar eine Bedrohung für das aufgeklärte Europa?

Gleichzeitig erheben sich Stimmen wie die von Seyran Ates, Imamin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee oder Abdel-Hakim Ourghi, der gleich Martin Luther 40 Thesen zu einem „humanistischen Islam“ an die Türe der Berliner Dar-as-Salam-Moschee schlug. Ihre Forderungen nach einer Reformation, nach Erneuerung, nach neuem Wind, nach einem „Euro-Islam“ haben in den letzten Monaten und Jahren wieder die Medien-und Presselandschaften geprägt.

Um dem Begriff der Aufklärung Bedeutung zu verleihen, ist er allgemeinhin gekennzeichnet durch den Bedeutungsgewinn der Vernunft in Europa, durch Ideale wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und, dass sie im Bruch mit der Kirche und in der Aufnahme von Gesetzen und Gewaltenteilung resultierte. [1]

Die Forderung nach solch einer Aufklärung des Islam allerdings wirft viele Fragen mit vielen Implikationen auf. Diese Fragen mögen auch angesichts der merkwürdigen Symbiose zwischen anti-europäischen Parteien am rechten Rand und islamistischen Fanatisten, wichtig erscheinen, die durch die bloße Existenz beider Seiten Synergien bilden, um die Massen gegeneinander aufzustacheln. Doch es würde den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen, wenn die komplette Bandbreite an notwendigen Positionen, an theologischen, historischen, sozialen sowie politischen Gesichtspunkten herangezogen würden. Doch dass ich dieser Aufgabe nicht gerecht werden kann, liegt schon allein auch an der Weite der zu definierenden Begriffe.

Denn den Islam kann man nicht auf seine übersetzte Bedeutung reduzieren. Er wird heutzutage in kulturhistorischem Kontext oder auch zur geopolitischen Bezeichnung des Nahen Ostens und Nordafrika benutzt. Der Begriff „islamische Welt“ kann kein Äquivalent zur islamischen Religion sein. Sicherlich bedingen sich Religion als Glaubensform und Kultur als Ausdruck menschlichen Daseins gegenseitig. Allerdings steht zwischen der Glaubensform und der Kultur immernoch der Mensch, mit seinen eigenen Interessen und subjektiven Wahrnehmungen. Können wir dem Menschen denn im Lichte dessen überhaupt die Fähigkeit zusprechen, den Islam oder sonstige Konzepte repräsentieren und auffassen zu können?

„Der Islam muss sich reformieren“ impliziert, dass es nur eine allgemeingültige Interpretation gibt. Dagegen haben sich im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Auslegungstraditionen, Rechtsschulen und muslimische- ich vermeide absichtlich das Wort „islamische“- Gruppierungen formiert. Wem messen wir nun die Deutungshoheit und die Repräsentationsfähigkeit bei? Und wer ist dieses „wir“, das dazu legitimiert ist, dies zu tun? Welchen Islam betrifft die Forderung nach Reformation?

In diesem Essay möchte auch ich nicht wagen, selbst ein Deutungsmonopol zu beanspruchen.

Um deshalb den Islam von jeglicher kulturellen und politischen Sphäre und Voreingenommenheit abzugrenzen, beschränken wir die Religion zunächst auf die wichtigsten ihrer Quellen: der Offenbarungstext des Qur'an und die prophetischen Überlieferungen wie Aussprüche und Handlungsweisen des Propheten. Zu erinnern sind an die Besonderheiten des klassischen Hocharabisch des Qur'an und die Schwierigkeit der Übersetzung, auf die ich nun nicht mehr weiter eingehen werde.[2]

Nach dieser Begriffsdifferenzierung sollten wir nun auf das Verhältnis zur Aufklärung gucken.

Zunächst einmal manifestiert sich in dieser Aufforderung, „der Islam müsse eine Phase der Aufklärung durchlaufen“, ein sehr stark antagonistischer Charakter. Die progressive Aufklärung und der rückschrittliche Islam. Dabei wird den Autoren dieser Sätze überhaupt nicht klar, welch ein Eurozentrismus sich hier verbirgt. Es ist nicht im aufklärerischen Sinne, die Aufklärung zu idealisieren und zu einem Maßstab für  alles geistige Material zu legitimieren. Denn auch die eigene Tradition mittels der Vernunft infrage zu stellen, ist ein wichtiges Zeichen von aufklärerischem Denken. Dies gilt auch für den Aufklärer. Zum aufgeklärten Menschen gehört die selbstbezogene Traditionskritik. Gerade die Errungenschaft der Glaubensfreiheit war doch ein Merkmal für das Ablehnen von Absolutheitsansprüchen! Ich fürchte, wir laufen Gefahr, uns wieder in dogmatischen Denkstrukturen zu verfangen. Wir laufen Gefahr, die Pluralität an Denkweisen, nach der sich Aufklärer damals sehnten, zu Gunsten der Aufklärung selbst zu ignorieren. Deshalb lautet die Devise fast existenzialistisch: Lasse von der Aufklärung los, um sie am Leben zu erhalten.

Des Weiteren würde man mit solch einer selbstgefälligen Aussage nicht nur sich selbst der Illusion eines eher manischen Progressivismus hingeben, sondern auch die betroffenen Muslime in die eigene, europäische Denktradition versklaven. Kant forderte jedenfalls, sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Wenn man nun vom Vorhaben entzückt ist, einem anderen Kulturkreis in einer belehrenden Haltung die eigenen Werte aufzuerlehnen ohne Rücksicht auf die Geschichte und vor allem die Ideengeschichte- die im muslimischen Kulturkreis alles andere als eindimensional ist- so spricht man ihnen doch selbst die Vernünftigkeit ab. Man entledigt sie ihrer Freiheit, ihrer situativen Bedingungen entsprechend zu handeln, und der Souveränität des Denkens. Mit einer Aufklärung des Islam, die eigentlich darauf abzielt, den Islam aus Dogmen heraus zu individualisieren, würde man im Gegenteil durch eine Anpassung an bereits bestehenden Standards, dem Islam seinen individuellen Charakter absprechen. Man würde analogisch die Muslime einem Frontalunterricht aussetzen, der keine wirklichen Früchte trägt. Ein papageartiges Nachplappern. Deswegen würde man in solch einer Situation die Muslime gegen den Wunsch des Immanuel Kants durch die Erzeugung einer Abhängigkeit vom westlichen Wertekatalog nur in die fremdverschuldete Unmüdigkeit erziehen.

Noch wichtiger sind die nicht vergleichbaren Strukturen. Nicht jede Religion ist gleich. Sie alle haben nicht das gleiche Schloss, in welches der Schlüssel des aufgeklärten Europäers passt. So muss man beispielsweise zur Kenntnis nehmen, dass so eine Institution wie die Kirche dem Islam eigentlich fremd ist. So schreibt die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor: „Die Emanzipation der Menschen von der Kirche […] war ein zentrales Ereignis der europäischen Aufklärung. […] Die Kirche positionierte sich zwischen Gott und dem Menschen […]. Im Islam gibt es so eine Mittlerebene nicht“ [3]. Auch wenn es sich schön anhören mag, dass man den Islam refomieren möchte, muss man vor dem Hintergrund solcher struktureller Unterschiede zunächst überlegen, wie diese Ausklärung stattfinden soll. Und um ehrlich zu sein, weiß auch ich um keine Lösung. Und vor allem darum geht es: die Umsetzbarkeit

Jedenfalls ist es ersichtlich, dass eine Aufklärung des Islam im europäischen Sinne und nach europäischen Wunschvorstellungen wenig sinnhaft wäre. Andererseits ist es unmöglich, die Notlage in mehrheitlich muslimischen Ländern zu ignorieren. Dort haben sich ziemlich theokratische Systeme etabliert wie im Iran oder in Saudi-Arabien, die ein Deutungsmonopol für sich beanspruchen.

Wie geht es also nun weiter? Ein bemerkenswertes Konzept ist das von Muhammad Abed Al Jabri, Autor des Buches „Kritik der arabischen Vernunft“. Er plädierte für eine Rückkehr zu rationalistischen Bewegungen zum Zeitalter der Blütezeit des Islam. Al-Jabri galt als Bewunderer des Averroes, „der Kommentator schlechthin“, und stand dafür ein, an solchen Denktraditionen erneut anzuknüpfen.[4]Auch die oben zitierte Lamya Kaddor wünscht sich eine Aufklärung, die zurück an solche arabisch-philosophischen Traditionen oder bindet, im Sinne von „Back to the roots“.

Doch inwiefern sind in einer Welt, in der Partizipation und aktives, eigenständiges Handeln an Bedeutung gewinnen, solche theoretischen Rückbesinnungen noch hilfreich? Ist es nicht zunächst wichtiger, überhaupt eine Stimme zu bekommen? Hat die islamische Welt denn noch so eine Diskussionskultur, auf deren Grundlagen die intellektuellen Früchte wachsen können?

Der Islam muss zweifelsohne, wie auch am Anfang angeführt, von den kulturellen und politischen Konnotationen befreit werden. Islamistische Politisten und Kulturalisten dürfen nicht die Deutungshoheit übernehmen.

Doch wie soll selbst hier die sinnvolle Praxis aussehen?

Erklärung:

Ich versichere, dass ich die Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen benutzt habe und alle Entlehnungen als solche gekennzeichnet habe.

[1]Herrmann, Horst: „Philosophie der Aufklärung für Dummies“, WILEY-VCH Verlag, 2012, S.49.

[2]Vgl. Schirrmacher, Christine: „Die Scharia“ . Hänssler, 2007, S.20-21.

[3]Kaddor, Lamya: „Der Islam braucht keine Aufklärung“, in: t-online, 12.04.2018, URL: https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_83596174/kolumne-der-islam-braucht-keine-aufklaerung.html , Abruf am 04.12.2018

[4]o.V: „Mohammed Abed Al-Jabri's new Averroism“, in: Reset Doc, 11.06.2011, URL:https://www.resetdoc.org/story/mohamed-abed-al-jabris-new-averroism/ , Abruf am 04.12.2018

— [Daniel Heisig-Pitzen]

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